Uschi Janig

 

Über Arbeit

Wie viele andere Menschen auch beschäftigt mich das Thema der menschlichen psychodynamischen Prozesse, also der Ursachen psychischer Vorgänge, und der Bedingungen für Partizipation an der Gesellschaft und Entwicklung der Gesellschaft in der ich lebe. In meinen durch Jahre intuitiv entstandenen Arbeitsprozessen hat sich ein thematischer Schwerpunkt, eine Struktur der Krise, generiert. Menschen verändern ihre Persönlichkeit und ihr Umfeld durch Leidensdruck, durch Krisen, dem Wandel einer Gesellschaft geht oft eine Krise voraus. Krise schließt Entwicklung mit ein. Wie sehen ästhetische Parameter einer Krise aus, oder kann ich Ästhetik beispielgebend zur Krise erklären?

Eine Quelle für Inspiration sind Medien wie Internet, Zeitungen, Bücher aus denen ich recherchiere was unter Krise erfasst wird. Fotos und Texte sind Vorlagen für meine Arbeiten. Eine weitere wichtige Inspirationsquelle ist die direkte soziale Arbeit mit Gruppen von Menschen die in unserer Gesellschaft existentiell und/oder gesundheitlich am Rand der Gesellschaft stehen, Ausgrenzung erfahren, stigmatisiert werden. Mich interessiert einerseits ihr subjektiver Umgang mit Krise, Lösungen die sie praktizieren, ihre Sicht auf die Gesellschaft in der sie leben und andererseits die durch Institutionalisierung hervorgerufenen Krisen wie zum Beispiel, Kommunikationstabus, Diskriminierung, Rassismus, Umweltverschmutzung etc. ...

Als Mitglieder dieser Gesellschaft müssen wir in Prozessen der Normierung bzw. Konformität1 bestehen. Die Fragen ob ein Kunstwerk einen Beitrag als Ventil oder auch als Katalysator liefert, als eine Art Fetisch für emotionale oder gedankliche Erfahrung erlebt wird oder nur noch als Geldwerk, als Fetisch der den Kapitalismus huldigt, eine Funktion erhält beschäftigen mich. Da Triebopfer, wie Freud es nannte, das in zivilisatorischen Prozessen durch Unterdrückung von Aggression und Sexualität entsteht und dessen Kanalisierung in einem Objekt interessiert mich als Produzentin weniger, die Frage nach den Möglichkeiten individueller Freiheit, der Befreiung in einer entzauberten Welt2 schon mehr. Die Erforschung einer Struktur der Krise mit ästhetischen Mitteln stellt für mich gleichzeitig eine Frage nach individueller Freiheit in dieser Gesellschaft dar.

Wo die Grenze zum Anspruch auf Gültigkeit verlauft, ist wiederkehrend Thema meines Scheiterns und der Abbau von Illusionen ist Teil fast jedes Arbeitsprozesses, somit inhärent, nicht immer lustig sorgt aber ab und zu für Erkenntnis wonach ich leidenschaftlich suchen kann. Zu beobachten, zu gestalten, nachzudenken was ich tue fordert und fördert mein selbständiges Denken und meine Empfindungen. Das produzierte Objekt sollte soviel wie möglich davon enthalten bzw. wiedergeben können, sonst bleibt nur noch der Mistkübel und ich bemühe mich zu vermeiden das dass der Rezipient ist.

Chronologisch gesehen begann ich im Feld der Malerei zu experimentieren, arbeitete dann einige Jahre im Bereich der Installation mit Architektur, Topologie, und dem jeweiligen sozial politischen Umfeld in der direkten Interaktion. In den letzten Jahren fokussierte sich die Arbeit hauptsächlich auf die Bereiche Zeichnung und Malerei, worin ich eine Art Rückzug von der direkten Interaktion mit dem Rezipienten sehe auch um über das produziert zwei- bzw. dreidimensionale Objekt und die Tätigkeit selbst mehr nachzudenken. Um die Möglichkeiten ein Thema abzubilden zu erweitern sind die Arbeitsverfahren unterschiedlich. Gleich ist den Arbeitsweisen der Vorgang des Ausschneiden, des Trennen und Verformen, den Vordergrund vom Hintergrund, das Bild zum Bildobjekt3.In meinen häufig gegenständlichen Zeichnungen isoliere ich den Vordergrund vom Hintergrund, dekonstruiere meine Zeichnungen durch den Einsatz einer Schere, setze sie neu zusammen und schaffe mittels serieller Produktion eine Assoziationskette und ein BildspracheSpiel. Die Allerweltsmaterialien Papier, Bleistift, Buntstift sind noch immer spannend. In meinen mehrheitlich abstrakten Bildobjekten, die ich als Malerei verstehe, arbeite ich auf dem Trägermaterial Leichtmetall, am liebsten auch in einer industriellen Verbundvariante die wetterfest und für den Außenraum geeignet ist. Ich schneide die Platten aus, verforme sie und bemale sie oft zweiseitig in Öl, Dispersion und Acryl.

Uschi Janig 2017


1- „Macht in Gruppen“ Oliver König, Hrsg. Klett-Cotta Verlag, Oliver König zur Bedeutung „Normierung/Konformität“ in Gruppen
2 - „Die ungeliebte Freiheit, ein Lagebericht“ Norbert Bolz, Hrsg. Wilhelm Fink, Zitat Max Weber, S. 10/11
3 - „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ Buch 1, Edmund Husserl, Hrsg. Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Edmund Husserl zum Begriff „Bildobjekt“, S. 29