Virginie Bailly

 

Über die Arbeiten aus der Serie Servitude de Vue

Der Titel der jüngsten Arbeiten von Bailly ist Servitude de vue.
Dazu sagt sie Folgendes:
„Dieser Begriff wird häufig von Architekten benutzt. Es handelt sich eigentlich um eine Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer, die in den fünfziger und sechziger Jahren sehr angesagt war. Architekten verwenden den Begriff gewöhnlich für ein Fenster oder eine Öffnung, durch die zu viel von den Nachbarn zu sehen ist. Sie müssen dafür sorgen, dass diese Öffnungen am richtigen Platz sind, um die Privatsphäre nicht zu verletzten. In meiner Geschichte wird das natürlich zu einer Durchreiche für den Blick und steht selbstverständlich im Zusammenhang mit meinen Schaukästen und Installationen, die immer das Auge führen sollen. Meine Inspiration für diese Serie waren einerseits die Capella degli Scrovegni mit ihren Giotto-Fresken und andererseits japanische Drucke, in denen so schön mit der Beziehung zwischen Innen und Außen gespielt wird. Da gibt es zum Beispiel Häuser, bei denen das Dach fehlt, damit man hineinsehen kann, es gibt Wände und Nicht-Wände und einige menschliche Figuren, die fast nur als Motiv oder Klecks vorhanden sind. Und diese architektonischen Elemente gibt es auch in Giottos Werk: diese Säulen und Kapellen, die nach der richtigen Perspektive und der Beziehung zwischen Innen und Außen suchen.“

(Auszug aus dem Katalog zur Ausstellung ODELAY, Culturcentrum Hasselt, Belgien, 24.1. bis 3.4. 2016)

 

 

Die belgische Künstlerin Virginie Bailly lebt und arbeitet in einem der locker besiedelten Vororte von Brüssel, wo die Möglichkeiten der urbanisierten Landschaft noch offen und ungewiss sind. Dieses Gebiet trägt den passenden Namen „petit île“ und bietet den perfekten Treibstoff für ihr bereits sehr umfangreiches, multidisziplinär ausgerichtetes Œuvre.
In der Vide-Plein-Reihe analysiert Bailly das Bild fast anatomisch. Auf ihrem Schneidtisch filetiert sie Fotos von Ruinen, halb abgerissenen Häusern und verwüsteten Orten. Auf ihre ganz individuelle Art zerlegt sie die Struktur des Bildes, sodass nur das Wesentliche übrig bleibt. Mit vielsagenden Pinselstrichen jagt Bailly nicht nur nach dem reinen Wesen des Bildes, sondern erforscht auch die Grundlagen der Malerei selbst: Farbe, Komposition, Auftragen der Farbe und Gestik.
Zusätzlich zum Pinselstrich, der einen Grundbaustein darstellt, ist die Gestik hier von vorrangiger Bedeutung.
Die Gestik nimmt durch Baillys gnadenlose Präzision alle Facetten der Grundlagen in sich auf
und ist wie der gefilterte Überrest heterogener Wahrnehmungen. (Floris Dehantschutter)